Die Geschichte von Shannon

Es überwunden zu haben, heißt, über Wunden gegangen zu sein

Zwei Frauen umarmen sich und eine Frau lacht dabei

Du machst einfach weiter, sagte ich zu mir. Wassertropfen prasselten auf meinen Körper, als ich noch im Schockzustand unter der Dusche stand. Damit vernichtete ich gleichzeitig auch alle Beweise – aus Unwissenheit, aus Angst, aus Scham. Es war unbeschreiblich schwierig, zu realisieren, was gerade passiert ist. Dann folgte eine lange Zeit des Schweigens. Erst jetzt konnte ich diese Geschichte für mich annehmen.  Annehmen, dass ich an diesem Abend zu einem Vergewaltigungsopfer geworden bin. Annehmen, dass ich durch die Tat einen Teil von mir verloren habe. Was ich überlebt habe, hat mich dazu gebracht, anderen Menschen einen Weg zu ebnen voller Möglichkeiten, ein derartiges Trauma besser verarbeiten zu können. Ich möchte ihnen zeigen, dass sie nicht allein sind. 

Triggerwarnung: In diesem Beitrag geht es um sexualisierte Gewalt. Wenn dich dieses Thema belastet, lies diesen Beitrag mit Vorsicht und gegebenenfalls einer Person deines Vertrauens. Falls du reden möchtest, kannst du jederzeit beim Sorgentelefon unter 0800 1110111 kostenlos und anonym anrufen.

Miterlebt, aber nicht erlebt

Es passierte vor ungefähr vier Jahren. Ich studierte in Marburg und lebte mein Studentenleben, lernte für Klausuren, lernte neue Menschen kennen und genoss eine unbeschwerte Zeit. Unter all diesen Bekanntschaften war auch er. Diese eine Person, die meinem Leben einen tiefen Einschnitt geben würde. Wir trafen uns ab und zu in der Uni. Von meiner Seite aus hatte ich kein Interesse, das über ein einfaches Kaffeetrinken hinausging. Eines Abends kam er mit in meine Wohnung. Ich ließ ihn herein – dann passierte es. An diesem Abend wurde meine Wohnung zu einem Ort der Vergewaltigung. Bis heute vermeide ich es, tief in die Gedankenwelt einzutauchen, in der ich mich damals befand. Ich habe die Situation zwar miterlebt, aber nicht erlebt. Ich war wie eingefroren. Ich konnte mich irgendwann in mein Bad flüchten und ihn aus der Wohnung werfen. Eine enge Freundin wohnte damals über mir, die ich kurz darauf aufsuchte. Ohne ihr einen Vorwurf zu machen, aber sie wusste damals den Vorfall nicht direkt als Straftat zuzuordnen und schickte mich ins Bett. Das war der Zeitpunkt, an dem ich zu mir sagte: „Du machst einfach weiter, Shannon.“ 

Porträt einer Frau im Wald

Ich konnte das Wort Vergewaltigung erst gar nicht mit mir in Verbindung bringen.

Eine Leere in mir

Ich hatte das Gefühl, ich war nicht mehr ich. Er nahm mir meinen Körper, einen Teil meiner Seele. Was zurück blieb, war eine tiefgreifende innere Leere. Ich habe keine Freude empfunden. Ich habe keine Trauer empfunden. Ich habe keine Wut empfunden. Lange konnte ich mich an vieles nicht mehr erinnern und vorerst sprach ich das Wort Vergewaltigung gar nicht erst aus. Das erste Mal, dass ich dieses Wort in den Zusammenhang meines Vorfalls brachte, war in der gynäkologischen Ambulanz in Marburg, als ich mich dazu entschied, mich auf Geschlechtskrankheiten untersuchen zu lassen. Jeder um mich herum schien mit dieser Situation überfordert. Scheinbar war das Personal diesbezüglich nicht hinreichend geschult worden. Ich fragte mich zu diesem Zeitpunkt, wie ich mit all dem umgehen sollte, wenn es nicht einmal Fachpersonal kann. Meine Antwort auf diese Frage war Ignoranz. Also habe ich einfach mein Leben weitergelebt. 

Wunden zu Narben

Ich lebte weiter, einfach weiter. Einen Tag später schrieb ich eine Klausur in der Universität, die ich – wie auch immer – zu meiner Zufriedenheit bestand. Doch die innere Leere, die ich fühlte, hörte nicht auf. Ich weinte nicht, ich schrie nicht. Mich wieder zu finden, hat lange gedauert – trotz guter Freunde, von denen ich einige direkt in Marburg hatte und die mir aufrichtig ihr Gehör schenkten. Ganz bewusst schloss ich meine Familie, zu der ich eine tiefe Verbindung habe, nicht in den Kreis der Vertrauten mit ein. Ich wusste, dass meine Eltern es nicht hätten ertragen können und ich noch nicht stark genug war, sie aufzufangen. Ihnen gegenüber zu Schweigen gab mir das Gefühl, sie zu schützen. Am Ende versuchte ich das meiste mit mir selbst auszumachen. Auch eine therapeutische Hilfe nahm ich nicht in Anspruch, obwohl ich genau das anderen Menschen immer ans Herz legen würde. Denn die Entscheidung, auf eine solche Hilfe zu verzichten, kann negative Konsequenzen mit sich bringen. 

Ich wurde zu meiner eigenen Vergewaltigerin.

Zwei Frauen sind in einem Bach

Der falsche Umgang mit sich selbst

Ich wollte handeln. Ich wollte es für mich tun, damit alles besser wird. Also versuchte ich, mein sexuelles Urvertrauen zu Männern wiederherzustellen, indem ich Geschlechtsverkehr mit ihnen hatte. „Noch ein Jahr, dann habe ich es hinter mir. Dann rede ich nicht mehr davon und bin über alles hinweg.“, sagte ich zu mir selbst. Heute weiß ich, dass mein Körper mir klare Signale gesendet hatte, dass ich nicht so weit war. Es war schlichtweg zu früh und retraumatisierend. Heute weiß ich, dass jeder Heilungsprozess unterschiedlich lang ist und abläuft – und dass das völlig okay ist. Ich bin dankbar für all meine Freunde, die diesen langen Weg mit mir gegangen sind und ich heute eine Gefährtin gefunden habe, die mich vollständig verstehen und fühlen kann. 

Aber wenn du dich doch so anziehst…

Es wird versucht, Begründungen dafür zu finden, wieso ein Täter so handelt, wie er handelt. Die Wahrheit ist: Es gibt keine Rechtfertigung dafür, jemanden zu vergewaltigen. Selbst wenn ich nackt vor ihm gestanden hätte, ist das noch lange keine Einladung dafür, in mich einzudringen. Es braucht Aufklärungsarbeit, die genau an diesem Punkt anfängt. Niemand ist Schuld daran, wenn er Gewalt jeglicher Form erleben muss. Besonders nach der Tat habe ich mich gefragt, ob ich mich falsch angezogen, falsch kommuniziert oder zu sehr provoziert habe. Doch mir ist bewusst geworden, dass ein „Nein“ nicht falsch kommuniziert sein kann. Dieses sogenannte Victim Blaming findet aber auch in anderen Formen statt. Oft hört man seitens der Gesellschaft, dass Opfer von der Tat an sich profitieren würden. Man könne sich nun mit etwas identifizieren, einen Podcast starten und Interviews führen. Doch ich bin der festen Überzeugung, dass Opfer sexualisierter Gewalt alles dafür eintauschen würden, das Erlebte ungeschehen zu machen. 

Profilbild einer Frau mit anderer Frau im Vordergrund

Niemand ist Schuld daran, Gewalt jeglicher Form zu erleben.

Vom Umgang mit dem Ursprung

Insbesondere am Anfang dachte ich ab und zu über den Täter nach. Ich versuchte, mögliche Beweggründe zu reflektieren, die dazu führen, einem anderen Menschen so etwas anzutun. Nicht zuletzt lag das auch daran, dass ich ihn in meiner Studienzeit weiterhin auf dem Campus gesehen hatte. Doch all diese Konfrontationen und Gedankenspiele haben weder mich noch meinen Heilungsprozess vorangetrieben, weshalb ich mich entschied, mich von ihnen zu distanzieren. Wenn ich allerdings eines weiß, dann, dass ich meinem Täter niemals vergeben werde für das, was er meiner Familie und mir angetan hat. 

Nach meiner Studienzeit traf ich präventiv ein paar Maßnahmen zum Selbstschutz. Ich fand unter anderem heraus, in welcher Stadt er wohnt und welche Mailadresse er verwendet. Somit weiß ich bis heute, welche Städte ich nicht besuchen werde. 

Kein Opfer, sondern eine Gefährtin

Als ich mich vor knapp einem Jahr für das Thema sexualisierte Gewalt stark gemacht habe, lernte ich einen ganz besonderen Menschen kennen: Romina. Sie machte sich zur selben Zeit für dasselbe Thema stark. Von Anfang an hatten wir eine enge Bindung zueinander, die letzten Endes in einer Idee mündete: Gefährt:innen, ein Podcast über sexualisierte Gewalt. Mittlerweile kann ich mir kein anderes Projekt mehr vorstellen, mit dem ich mich mehr identifizieren und sinnerfüllte Aufklärungsarbeit leisten könnte als dieses. Dankbarkeit von Hörer:innen zu erfahren, ist hierbei das höchste Gut, das man bekommen kann. Für mich ist es aber auch ein wichtiger Schritt im Heilungsprozess. Romina zeigt mir mit ihren Fragen immer wieder, dass ich noch so da bin, wie ich mich kenne. Und ich habe das Gefühl, dass ich ähnliches bei ihr bewirke. 

Es ist von Vorteil, den Weg der Heilung Hand in Hand zu gehen.

Zwei Frauen sitzen auf einem Baumstamm in einem Bach und halten Hände

Jemand, der meine Sprache spricht

Mit dem Podcast möchten wir Menschen helfen, zu überleben. Wir möchten ihnen Chancen und Möglichkeiten vermitteln, die dabei unterstützen, ihren Kontakt mit sexualisierter Gewalt besser verarbeiten zu können. Umso weiter Romina und ich diesen Weg beschreiten, desto klarer wird mir, wie sehr ich selbst vor all den Jahren diesen Podcast gebraucht hätte. Ich hätte Menschen gebraucht, die mich verstehen und meine Sprache sprechen. Es gibt immer noch Momente, in denen Romina mir eine Frage stellt und ich daraufhin in Tränen ausbreche, ohne zu wissen warum. Gemeinsam ergründen wir die emotionale Reaktion und suchen Worte, die meine Seele vielleicht noch nicht bereit war zu formen. Ich bin der Überzeugung, dass es von einem großen Vorteil für alle Gefährt:innen ist, den Weg der Heilung Hand in Hand zu gehen. Und uns, Romina und mir, ist es eine große Ehre, heute Wegbegleiter sein zu dürfen. 

Weg der Heilung

Während meines Heilungsprozesses stellte ich mir immer wieder verschiedene Fragen. Darf ich Spaß haben?  Darf ich selbstbestimmt mit jemandem schlafen? Ist es erlaubt, laut zu schreien, obwohl die Tat bereits so und so viele Monate und Jahre zurückliegt? Mittlerweile kann ich auf diese Fragen eine Antwort bereithalten: Ja, natürlich! Wenn du den Drang verspürst, zu schreien, zu weinen, durch den Wald zu rennen und einfach nur da zu sein, dann tu das. Alles ist auf dem Heilungsprozess erlaubt, solange es deiner Heilung zugutekommt und niemandem schadet. Ich glaube, oft assoziiert man mit dem Heilungsprozess emotional negative Gefühle. Weinen ist vielleicht ein wichtiger, aber nicht der wichtigste Teil davon.  

Zwei Frauen stehen im Wasser vor einem Wasserfall und halten Hände

Heilung darf Spaß machen!

ÜBER:WUNDEN

Ein Wort hat mich in den letzten Wochen besonders beschäftigt: Überwunden. Trennt man dieses Wort, dann geht man über Wunden. Ich finde dieses Wortspiel deshalb so schön, weil es die Charaktereigenschaften von Romina und mir im Zusammenhang mit unserem Podcast perfekt wiedergibt. Wir möchten über Wunden gehen. Das kann steinig sein, aber gemeinsam ist es zu schaffen.