Die Geschichte von Romina
Für Heilung ist es niemals zu spät
Wo ist meine Nichte? Alles ist voller Menschen mit gelben Trikots. Ich finde sie nicht, aber er trifft auf mich. Er trägt eine Art Uniform. Vielleicht arbeitet er bei der Stadt? Er gibt nicht nach zu fragen, was mit mir los sei und gibt sich als Ordnungsbeamter aus, der mich zu meinem Treffpunkt bringen würde, falls wir uns im Ernstfall verloren haben sollten. Es ist ein Ernstfall es hätte funktioniert, wenn er mich wirklich dort hingefahren hätte. Hat er nicht. Häuser zogen an mir vorbei und ich wusste, dass etwas nicht richtig ist. Ich verlor mein Zeitgefühl. Normalerweise bin ich nicht ängstlich, aber zu diesem Zeitpunkt spielte ich mit dem Gedanken, diese Situation nicht mehr lebend zu verlassen. Das Auto, in dem ich saß, wurde ein Tatort sexualisierter Gewalt. Heute, etwa fünf Jahre nach diesem Vorfall und drei Gerichtsprozesse später bin ich hier, um meine Geschichte zu teilen. Eine Geschichte vom Umgang mit sexualisierter Gewalt seitens der Justiz, der Gesellschaft und mir. Doch wenn mir eines klar geworden ist über all diese Jahre, dann dass es für Heilung niemals zu spät ist.
Triggerwarnung: In diesem Beitrag geht es um sexualisierte Gewalt. Wenn dich dieses Thema belastet, lies diesen Beitrag mit Vorsicht und gegebenenfalls einer Person deines Vertrauens. Falls du reden möchtest, kannst du jederzeit beim Sorgentelefon unter 0800 1110111 kostenlos und anonym anrufen.
Wie ein Unfall
Es war eigentlich ein wunderschöner Tag. Gemeinsam mit Familie und Freunden besuchten wir das DFB-Pokalfinale. Das Besondere daran war, dass auch meine Nichte dabei war, mit der ich bisher nicht so oft unterwegs gewesen bin. Abends nach dem Pokalfinale wollten wir den Abend in bester Stimmung ausklingen lassen und feiern gehen. Die gesamte Stadt war voller Menschen und Borussia-Fans mit gelben Trikots, was zur Folge hatte, dass ich meine Nichte aus den Augen verlor. Wir machten einen Ort aus, an dem wir uns treffen würden, sollten wir uns verlieren. Auf der Suche nach diesem Ort nutzte ein Mann mein Vertrauen aus und der Tag wendete sich zu einem der grausamsten meines Lebens. Es fühlte sich wie ein Unfall an. Er gab sich als Ordnungsbeamter aus und bot mir an, mich zu diesem Ort zu fahren. Ich wollte seine Hilfe vorerst nicht annehmen und auch mein Bauchgefühl wollte mich in diesem Moment schützen. Aber es kam anders.
Ich bin aus dem fahrenden Auto gesprungen.
Todesangst
Es ging alles sehr schnell. Ich saß in diesem Auto und konnte nicht mehr entkommen. In dieser Nacht überlebte ich sexualisierte Gewalt. Ich überlebte verbale Gewalt. Er sagte explizit Dinge, die mir Angst eingeflößt haben. Das war der Moment, in dem ich zu mir selbst gesagt hatte, dass ich dort vielleicht nicht mehr lebend entkommen könnte. Ich hatte kein Telefon bei mir. Alle Personalien hatte meine Nichte. Ab und zu schaute ich aus dem Fenster in der Hoffnung, jemand würde mich sehen. Aber es war mittlerweile sonntags am frühen Morgen. Da war niemand.
Letzten Endes habe ich es geschafft, aus dem fahrenden Auto zu springen und nach Hause zu rennen. Auf dem Haustelefon war die Nummer meiner Schwester eingespeichert, welche dadurch zu meiner ersten Bezugsperson wurde.
Schritt für Schritt
Ich hatte einen Nervenzusammenbruch, aber meine Schwester und meine Nichte waren nun da. Sie ist die Wege gegangen, die ich hätte einleiten sollen. Doch noch vor den beiden erschien die Polizei, um eine Anzeige aufzunehmen. Am selben Tag fuhren wir in ein Krankenhaus zur Gynäkologie und Spurensicherung, in dem DNA-Spuren sichergestellt wurden und gynäkologische Untersuchungen stattgefunden haben. Dann, nach drei Tagen, meldete sich die Kriminalpolizei mit dem Ergebnis, den Täter gefunden zu haben. Ich tätigte eine Aussage, schaute mir Bilder an und erkannte ihn. Mein Täter war ein bereits bekannter und eigentlich resozialisierter Sexualstraftäter.
Die Wege, die ich hätte gehen müssen, war meine Schwester für mich gegangen.
Weg des Gerichts
Das Ganze nahm seinen Lauf. Zeit zum Ausruhen oder für eine psychologische Begleitung hatte ich nicht. Mein Partner und meine Familie waren vollständig involviert und ich war und bin wirklich dankbar, dass alle mit mir so sensibel umgegangen sind. Niemand setzte mich unter Druck oder hatte spezifische Erwartungen an mich. Gemeinsam mit dem Weißen Ring wurden dann eine Anwältin und ein weiterer Anwalt gefunden – mit diesem Verlauf realisierte ich, dass ich die Wege von Gerichtsprozessen gehe.
Ich konnte mir den Verlauf dieser Konsequenzen nicht wirklich aussuchen, aber sie fanden statt und ich wollte, dass der Täter für das, was er mir angetan hat, bestraft wird. Es folgten drei Gerichtsprozesse mit dem Ergebnis, dass der Täter freigesprochen wurde.
Der innere Frieden
Während der Gerichtsprozesse habe ich einfach funktioniert. Ich wollte unbedingt meine alte Version, die vor der Tat existierte, bewahren. Für mich wurde das aber zunehmend schwerer, denn die Gerichtsprozesse waren bei mir retraumatisierender als die Tat selbst. Über drei Jahre hinweg streckten sich die Prozesse, die mir alles abverlangt haben. Wenn für mich die Justiz als Betroffene funktioniert hätte, wäre das ein wichtiger Schritt gewesen, wenngleich ich dadurch keinen inneren Frieden erlangt hätte. Bis heute kann ich nicht verstehen, dass in meinem Fall ein In dubio pro reo, also im Zweifel des Angeklagten, ausgesprochen wurde – trotz eindeutiger und vorliegender Beweise.
Im Laufe der Zeit habe ich inneren Frieden gefunden, weil dieser niemals für mich vom Gerichtsurteil abhängig war.
Ich konnte mir die Dinge nicht aussuchen, aber sie fanden statt.
Zeugnis der Gesellschaft
Seit der Bekanntmachung meines Falls und dem Beginn meiner Aufklärungsarbeit höre ich immer wieder Gegenstimmen, die die Tat zu beschwichtigen versuchen. Victim Blaming, also dem oder der Betroffenen eine Teilschuld an der Tat zuzusprechen, ist für mich ein Zeugnis der Gesellschaft. Ich unterscheide zwischen bewusstem und unbewusstem Victim Blaming. Besonders bei der unbewussten Variante sehe ich meine Chance, sinnvolle Aufklärungsarbeit leisten zu können. Oft scheinen unbetroffene Menschen nicht zu wissen, welche Aussagen verletzen und so ein Teil des Problems werden, dass sich immer noch hartnäckig in der heutigen Gesellschaft hält.
Besonders intensiv erlebte ich eine Form des Victim Blamings in der Zeit vor Gericht seitens der Strafverteidigung. Was hatten Sie an? Wie kurz war denn die Hose? Hatten Sie wirklich keine High Heels an? Warum sind Sie in das Auto eingestiegen? Müsste Ihnen nicht klar sein, zu was Ihr Handeln führen würde? Nein, war die Antwort, die ich gab. Nein, es war mir nicht klar.
Mir ist durchaus bewusst, dass es zum System gehört, eine Teilschuld zuzusprechen. Dennoch kann ich nur an jede Person, die Teil dieses Systems ist, appellieren, gewisse Herangehensweisen zu reflektieren, zu überdenken und zu überarbeiten.
Ich sage, der Gerichtsprozess war bei mir retraumatisierender als die Tat.
Weg der Vergebung
Mir war es wichtig, mich über all die Zeit niemals selbst zu verlieren. Ich vertraute der Justiz. Ich vertraute meiner Familie und ich vertraute mir. Die große Herausforderung, meinem Täter während des Gerichtsprozesses begegnen zu müssen, stellte mich vor die Frage nach meinem Umgang mit der Situation. Bereits nach dem ersten Aufeinandertreffen entschloss ich mich, dass ich das auf diese Weise nicht lange durchstehen könnte. Die energetische Bindung zum Täter war unerträglich. Deshalb wollte ich ihm für das, was er mir antat, vergeben, um diese Bindung zu brechen. Ich glaube, Vergebung ist die höchste Form, sich von einem Menschen zu lösen. Natürlich gestaltete sich das nicht einfach, es war ein langer Weg, den ich aber als notwendig empfand.
Gefährtin
Ich bin Vollzeitoptimistin. Ursprünglich dachte ich, den Weg der Justiz zu gehen, ist der optimale Lösungsweg für jede:n Betroffene:n. Ein Patentrezept, das immer funktioniert. Da es anders als erwartet kam, fragte ich mich dennoch, was ich Positives aus meinen Erfahrungen ziehen könnte. Dann trat Shannon in mein Leben: eine wundervolle Frau, die ähnliches überlebt hatte und damit an die Öffentlichkeit ging. Wir sprachen miteinander, verstanden uns auf Anhieb und tauschten unsere Geschichten aus. Werte, die wir teilten, führten zu der Idee, sexualisierte Gewalt gemeinsam aktiv zu enttabuisieren. Ich suchte ohnehin Menschen, die mit mir darüber sprechen können und ich glaube daran, dass wir unseren Heilungsprozess voranbringen können, wenn wir miteinander kommunizieren. Deshalb starteten wir einen Podcast namens Gefährt:innen, in dem wir gemeinsam über unsere Geschichten und unseren Umgang mit ihnen sprechen. Erst bei diesem Projekt habe ich spürbar gemerkt, dass mein Heilungsprozess deutliche Fortschritte machte.
Für Heilung ist es nie zu spät.
Für eine bessere Zukunft
Ich konnte mir nicht aussuchen, sexualisierte Gewalt überleben zu müssen. Aber ich konnte mir aussuchen, was ich aus meinen Erfahrungen machen und wer ich werden kann. Ich weiß, es gibt viele Gefährt:innen da draußen, die ähnliches überlebt haben. Sie sind nicht allein. Mit unserem Aktivismus und unserem Podcast möchten wir einen sicheren Raum gestalten, in dem jede:r sein darf, wie sie und er möchte. Schon in der unendlichen Geschichte wurde gesagt: „Nur durch den Schmerz kommst du zur Heilung.“ Das Gute daran ist, dass das niemand allein muss. Natürlich ersetzen wir keine psychologische Begleitung, zu der ich auf jeden Fall raten würde. Beispielsweise ist der Weiße Ring eine gute Anlaufstelle für Betroffene, bei der ehrenamtliche Mitarbeiter:innen ein Gehör schenken. Trotzdem möchten wir es mit unserer Plattform schaffen, den Heilungsprozess zu unterstützen oder sogar erst in Gang zu bringen. Wenn ich auf jeden Fall eines gelernt habe, dann, dass es für Heilung niemals zu spät ist.
