Die Geschichte von Dana
Mut und Selbstbewusstsein ebnen dir deinen Weg
Ich bin ein CODA-Kind. CODA steht für children of deaf adults, also Kinder von gehörlosen Eltern. Somit bin ich neben meinen deutschen und serbischen Sprachkenntnissen zusätzlich mit Gebärdensprache aufgewachsen. Rückwirkend würde ich behaupten, ich hatte eine glückliche Kindheit, zumindest was den CODA-Aspekt betrifft. Meine Zwillingsschwester und ich waren aufgeweckte Kinder, sehr sozial eingestellt und immer offen gegenüber anderen Menschen. Wir waren fest in der Gehörlosen-Community verankert und besuchten dort viele Feiern und Feste. Oft traf man sich und verbrachte Zeit bei anderen gehörlosen Familien. Dort kam ich schließlich mit einem Menschen in Kontakt, der bis heute für einen tiefen Einschnitt meines Lebens verantwortlich war. Über acht Jahre hinweg wurden meine Zwillingsschwester und ich Opfer seiner pädophilen Neigung. Heute, etwa 30 Jahre später, lernte ich stark zu sein – zumindest für meine drei Kinder. Ich möchte meine Geschichte erzählen, weil ich Menschen zeigen möchte, wie wichtig Mut und Selbstbewusstsein für das eigene Leben sein können.
Triggerwarnung: In diesem Beitrag geht es um Kindesmissbrauch. Wenn dich dieses Thema belastet, lies diesen Beitrag mit Vorsicht und gegebenenfalls einer Person deines Vertrauens. Falls du reden möchtest, kannst du jederzeit beim Sorgentelefon unter 0800 1110111 kostenlos und anonym anrufen.
Meine Eltern wurden nicht gehörlos geboren
Er lag im Buggy, als die Bombe fiel. Mein Vater war zu diesem Zeitpunkt gerade einmal zwei Jahre alt. Erst bemerkte meine Oma den Folgeschaden nicht aufgrund des immensen Chaos, das ein Krieg nach sich zieht. Ein Kinderarzt klärte dann schließlich das veränderte Verhalten meines Vaters auf. Diagnose: Geplatztes Trommelfell. Seit diesem Vorfall ist mein Vater gehörlos.
Meine Mutter hingegen ertaubte erst mit sieben Jahren. Sie ist Serbin und auf einem Bauernhof in sehr ärmlichen Verhältnissen groß geworden. Sehr hohes Fieber brachte meine Oma dazu, meine Mutter huckepack einen sehr weiten Weg in die nächste Stadt zu tragen. Im Krankenhaus angekommen fiel meine Mutter in ein Koma – Diagnose: Meningitis. Das hohe Fieber ließ ihr Trommelfell irreparabel platzen.
Der Arzt wusste, die Krankheit wird Folgeschäden nach sich ziehen. Nur nicht, welche.
Sprache hat viele Formen
Meine Eltern können beide sprechen. Der Preis, den mein Vater dafür zahlen musste, war allerdings sehr hoch. Er musste eine Klosterschule besuchen, die den Kindern unter sehr harten Bedingungen das Sprechen beibrachten. Schläge und weitere absurde Bestrafungen warteten auf die Kinder, die den Anweisungen der Nonnen nicht Folge geleistet haben. Da meine Mutter erst mit sieben ertaubte, konnte Sie bereits sprechen.
Trotzdem wirkten sich die Einschränkungen meiner Eltern auf den Sprachgebrauch von meinen Geschwistern und mir aus. Im Grunde sind wir dreisprachig aufgewachsen: Deutsch, serbisch und Gebärdensprache. Oft passierte es aber, dass wir Sprachen miteinander vermischt hatten und so völlig neue Wörter erfunden und in unseren Sprachgebrauch integrierten.
Heute ist die Gebärdensprache auch Teil meines Berufs.
Sozial und aufgeweckt
Wir hatten in Bezug auf das CODA-Kind Dasein eine glückliche Kindheit. Wir waren sehr aufgeweckte Kinder, offenherzig, kontaktfreudig und liebevoll zu anderen Menschen, denen wir begegneten. Natürlich unterstützten wir unsere Eltern in allen Belangen des Lebens. Amtsgänge, Bankthemen, das Dolmetschen von Briefen. Viele Alltagsthemen ließen und lassen sich auch heute nur sehr schwer von Gehörlosen bewerkstelligen. Ich glaube, diese Zeit hat mich zu einer sehr sozialen Person gemacht. Ich habe immer geholfen, weil ich es wirklich wollte und nicht, weil ich es musste. Unsere Eltern sorgten währenddessen gut um uns. Es wurde immer gekocht, alles wurde penibel geputzt und wir wurden schön angekleidet. Nur an einem hat es gefehlt: Aufklärungsgespräche, Bildung und Kommunikation.
Unser Umfeld und wir
„Deren Eltern sind behindert, warum spielst du dann mit denen?“ Ja, so etwas haben wir des Öfteren gehört. Es gab Freundinnen, denen verboten worden ist, mit uns zu spielen. Auch in der Öffentlichkeit erntet man manchmal komische Blicke, weil das Verhalten von Gehörlosen missinterpretiert werden kann. Beispielsweise flüsterte meine Mutter oft, wenn sie leise und unauffällig sein wollte. In einem Laden kann das aber bei manchen als „verdächtiges“ Verhalten für einen geplanten Diebstahl wahrgenommen werden. Es gab Momente, in denen ich mich als Kind geschämt habe, weil man eben doch aufgefallen ist. Wo es allerdings kein Problem gab, war in der Schulzeit mit Mitschülerinnen und Mitschülern. Mobbing fand also nicht statt. Da allerdings unsere Deutschkenntnisse noch nicht den Anforderungen entsprochen hatten, wechselten wir von der Grundschule wieder in den Kindergarten. Man wusste sich sonst nicht zu helfen. Von dort aus kamen wir auf eine Sprachheilschule in eine Gruppe von acht bis neun Kindern. Sie alle hatten Sprachprobleme und somit begegneten wir uns auf Augenhöhe. Wir wurden gut gefördert und gingen unseren Weg bis zum Schulabschluss.
Es ist eine Gemeinschaft, in der jeder jeden versteht.
Die Gemeinschaft der Gehörlosenkultur
Wir haben oft Gehörlosenfeste zusammen mit unseren Eltern besucht. Besonders in den 80ern und 90ern war das eine sehr große Nische. Fasching, Weihnachtsfeiern, Sportvereine – das Angebot war groß. Ich glaube, für die Gehörlosen ist diese Kultur sehr wichtig. Dass sie diese Vereine haben, sich treffen können, wohlfühlen und verstanden fühlen. Es ist eine Gemeinschaft, in der jeder jeden versteht. Eine Gemeinschaft, in der sich nicht nur vollständig ertaubte Menschen befinden, sondern auch jene, die schwerhörig sind oder Cochlea-Implantate besitzen.
Hinweis: Cochlea-Implantate umgehen den geschädigten Teil des Ohres und stimulieren den Hörnerv direkt. Somit funktionieren sie nicht wie Hörgeräte, die meistens nur die Lautstärke von Geräuschen und Tönen verstärken.
Ich musste lernen, dass nicht jeder Mensch gut ist
Wir waren an den meisten Wochenenden bei anderen Gehörlosen – oder andere Gehörlose bei uns. Dadurch traf ich auf diesen einen Mann. Er war der Sohn des besten Freundes meines Vaters und er war in der Pubertät. Ich war zu diesem Zeitpunkt im Kindergartenalter, vielleicht etwa drei Jahre alt. Wir spielten verstecken und ich erinnere mich heute noch daran, dass er mir und meiner Zwillingsschwester den Mund zuhielt. So begann es. Wir erfuhren sexualisierte Gewalt. Erst als ich etwa elf oder zwölf Jahre alt war, bemerkte ich, dass da etwas nicht normal ist. So lange fanden auch die diversen Taten statt. Umso älter wir wurden, desto mehr passierte bei den regelmäßigen Aufeinandertreffen, die wir aufgrund der Verbindung zwischen ihm und unserer Familie nicht verhindern konnten. Unsere und seine Familie fuhren auch gemeinsam in den Urlaub. Wir wussten, wenn dieser Mensch da ist, würde etwas passieren. Wir hätten schreien können, aber unsere Eltern hätten uns nicht hören können. Vieles von dem, was passiert war, verdrängte ich – bis zu einem gewissen Punkt.
Was bringt es dir zu schreien, wenn deine Eltern dich nicht hören können?
Erkenntnis
Etwa acht Jahre dauerte der Missbrauch an. Als wir älter geworden sind und vieles nicht mehr zulassen wollten, brachten meine Schwester und ich den Mut auf, mit unseren Eltern zu sprechen. Sie reagierten schockiert und ungläubig. So wurde das Thema vorerst für viele Jahre begraben. Meine Schwester und ich sprachen nicht darüber und ich versuchte, das Thema für mich selbst zu verarbeiten. Mit 21 bekam ich dann mein erstes Kind. Als ich meine Tochter das erste Mal in meinen Armen gehalten hatte, wurde ich schlagartig erwachsen. Mit diesem Punkt brach ich aber auch das erste Mal zusammen. Ich realisierte plötzlich in vollem Umfang, was mir als Kind widerfahren war. Doch ich wusste, dass ich stark sein musste, wenn auch einfach nur für mein Kind.
Ein weiter Weg
Mein Leben schritt voran und ich war stolz auf meine Tochter, die sich überdurchschnittlich entwickelte. Allerdings hatte ich immer wieder Momente, in denen es mir besonders schlecht ging. Ich dachte oft an meine Erlebnisse zurück und sah rückwirkend an dem Alter meiner Tochter, wie jung ich war, als es passierte. Dennoch war die Bindung zu meiner Tochter so stark, dass allein sie für mich eine mentale Unterstützung darstellte. Ich sprach mit meiner Schwester darüber, den Täter anzuzeigen, doch wir taten es nie. Mal konnte sie es nicht und mal ich nicht. Doch wenn, dann hätte ich es gemeinsam mit ihr tun wollen.
Viele Jahre später, ich hatte bereits mein zweites Kind bekommen, genoss ich eine der schönsten Zeiten meines Lebens gemeinsam mit meinem Vater. Meine Mutter war zu dieser Zeit im Ausland und mein Vater gesellte sich immer pünktlich um 12 Uhr zu mir. Wir nutzten die Möglichkeit, uns ausgiebig auszusprechen. Ich erzählte ihm nochmal von den Situationen, die ich erleben musste und mein Vater war aufrichtig schockiert. Ich glaube, es ist etwas anderes gewesen als das Gespräch, das wir als Kinder mit ihm geführt hatten.
Teil von mir
Was ich erlebt habe, liegt mittlerweile über 30 Jahre zurück. Ich habe viel erlebt, vieles überlebt. Aber ich bin auch eine Mutter von drei Kindern und habe es schaffen müssen, bis heute stark für sie zu sein. Doch es sind auch meine Kinder, die mir die Kraft geben, stark sein zu können. Bis heute bereue ich es, den Täter nicht angezeigt zu haben, weil ich andere potenzielle Opfer nicht geschützt habe. Niemand weiß, ob er sich an weiteren Kindern vergangen hat. Deshalb möchte ich jeder Person von ganzem Herzen den Ratschlag geben, den Schritt Richtung Anzeige zu gehen. Aber nicht nur das, sondern gleichzeitig den Mut aufbringen, um mit Freunden und Familie darüber zu sprechen. Es wird euch guttun, da bin ich mir sicher. Seid selbstbewusst und mutig, denn das wird euch sehr viel für euren Lebensweg bringen. Nutzt die vielfältigen psychologischen Hilfsangebote, die es damals in diesem Ausmaß noch gar nicht gab. Ich für meinen Teil gehe meinen Weg, aber meine Erlebnisse werden immer ein Teil von mir sein.
