Die Geschichte von Alicia
Du bist mehr als deine Krankheit
Wenn sich niemand kümmert, dann kümmert sich das Essen. Denn Essen ist immer verfügbar. Und Essen beruhigt und spendet Trost. Mit diesen Gedanken begann meine Geschichte. Mittlerweile leide ich seit über 20 Jahren an Bulimie. Viele Menschen denken, dabei geht es vordergründig darum, schlank zu werden. Aber es ist komplexer als das. In meiner Kindheit fehlten mir oft der Halt, Trost und die emotionale Zuwendung. Als Ausgleich dazu dienten mir Fressattacken, die teilweise Stunden andauerten. Es war schrecklich. Ärzte versprechen bei Bulimie bis heute kaum Heilungschancen. Es wurde mir oft suggeriert, dass diese Krankheit Hauptbestandteil meines Lebens bleiben wird. Diese Aussage wirkten auf mich und viele andere Betroffene sehr frustrierend. Doch genau das ist der Grund, weshalb ich meine Geschichte teilen möchte. Sie soll anderen Betroffenen Mut machen. Ich möchte ihnen sagen, dass es möglich ist, wieder in ein geregeltes Leben zurückzufinden. Dass man nicht verkehrt, sondern liebenswert ist. Dass man mehr ist als die Krankheit selbst.
Triggerwarnung: In diesem Beitrag geht es um eine Essstörung. Wenn dich dieses Thema belastet, lies diesen Beitrag mit Vorsicht und gegebenenfalls einer Person deines Vertrauens. Falls du reden möchtest, kannst du jederzeit beim Sorgentelefon unter 0800 1110111 kostenlos und anonym anrufen.
Verändern, um geliebt zu werden?
Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich drei Jahre alt war. Kurz nach der Scheidung zog meine Mutter aus, nahm meine Schwester mit, und so kam es, dass ich bei meinem Vater und meinen Großeltern aufgewachsen bin. Mir ging es dort sehr gut und es fehlte mir an nichts. Allerdings wurde nie wirklich über Gefühle und Probleme gesprochen. Ich vermisste meine Mutter sehr und das Bedürfnis, bei ihr und meiner Schwester zu leben, wurde über Jahre hinweg größer. Mit elf wurde dieses Bedürfnis so groß, dass ich mich dazu entschloss, zu ihr zu ziehen. Doch meine Mutter und mein Stiefvater hatten mit ganz eigenen Problemen zu kämpfen. Nur wusste ich das nicht. Somit verließ ich mein behütetes Zuhause im Austausch für ein Zuhause, in dem ich völlig überfordert war.
Es gab viel Streit, Diskussionen und es herrschte eine Atmosphäre, die ich bis dahin nicht kannte. Ich fühlte mich in dieser Zeit oft nicht gesehen, meine Gefühle und Bedürfnisse gerieten in den Hintergrund und so zog ich mich emotional zunehmend zurück. Trauer und Leere waren mein alltäglicher Begleiter. Alltagsprobleme, die man als Zwölfjährige hatte, musste ich mit mir selbst ausmachen. Egal, ob es sich um Schulprobleme handelte oder das erste gebrochene Herz durch einen Jungen. Mir fehlte der sichere Ort, an dem ich einfach nur ich sein konnte. Momente, in denen ich nicht zuhause sein musste, wurden zu guten Momenten für mich. Halt, Trost und emotionale Zuwendung fehlten mir immer mehr. Die Situation spitzte sich vehement zu und führte schließlich zu dem Anfang meiner Krankheit. Denn ich war immer mehr überzeugt davon, dass ich mich verändern müsse, um geliebt zu werden.
Ich wollte gesehen werden, endlich gesehen werden.
Rationale Familie, emotionales Ich
Die Zweifel an mir selbst nahmen rasant zu. Ich dachte mir, dass ich nicht in Ordnung wäre. Denn wenn ich es wäre, wieso hat meine Mutter dann so viele Probleme? Wieso schenkt sie mir so wenig Aufmerksamkeit? Ich wollte endlich gesehen werden. Also entschied ich mich, an meinen vermeintlichen Fehlern zu arbeiten. Ich wollte besser in der Schule werden und setzte mir zum Ziel, stark abzunehmen. Eine Zeit lang hat das auch gut funktioniert. Doch dann wandelte sich mein Drang zum Abnehmen in stundenlange Fressattacken, mit denen ich die Trauer und die Leere in mir betäubte. Das ging etwa ein Jahr so, bis meine Mutter etwas bemerkte. Allerdings war es in unserer Familie nicht so, dass man tiefgehend über aufkommende Probleme sprach. Zwar wirkten wir nach außen hin bestimmt sehr glücklich, aber ich würde unser Miteinander eher als funktional bezeichnen. Meine Mutter sah ein Problem und reagierte mit der naheliegendsten Lösung: Wir gingen zum Arzt. Dass die Fressattacken nur die Folge von emotionalen Defiziten waren, wurde nicht in Betracht gezogen. Es folgte ein stationärer Klinikaufenthalt, um meine Situation in den Griff zu bekommen. Meine Mutter dachte bestimmt, der Aufenthalt würde mich heilen, doch es sollte anders kommen.
Erster Klinikaufenthalt
Ich verbrachte knapp sechs Wochen in der Klinik, die auf Jugendliche spezialisiert war. Besonders in Erinnerung blieb mir die ausgeprägte Isolation zur Außenwelt. Der Alltag dort wurde stark reglementiert. Ich durfte keine Musik hören, mein Handy nicht benutzen und nur einmal in der Woche für eine ganz kurze Zeit zu Hause anrufen. Das Personal empfand ich als sehr abgestumpft und teilweise kam es zu Aussagen, die ich als sehr abwertend bezeichnen würde. Die Zeit habe ich als sehr schlimm empfunden. Kunst- und Psychotherapie bildeten das Tagesprogramm und man wurde gezwungen, eine bestimmte Menge an Nahrung zu sich zu nehmen. Ich versuchte einfach nur zu funktionieren, mich anzupassen, um baldmöglichst entlassen zu werden.
Als ich die Klinik wieder verließ, war ich nicht geheilt. Ich hatte gehofft, meine Familie hat sich mit meinen Umständen beschäftigt und verstanden, was es mit diesem Krankheitsbild wirklich auf sich hat. Nichts habe ich mir in diesem Moment mehr gewünscht als ein ehrliches „Wie geht es dir? Wie können wir dich im Alltag unterstützen?“, und im besten Fall, eine Änderung der Atmosphäre zu Hause. Leider kam nichts dergleichen. Dadurch hat sich das Rad immer weiter und weiter gedreht.
Wenn sich niemand kümmert, dann kümmert sich das Essen.
Entwicklung im Verborgenen
Meine Bulimie verschlimmerte sich, aber ich beließ meinen Zustand im Verborgenen. Schwer war das nicht, denn ich war tatsächlich immer normalgewichtig. Ich wurde lediglich etwas zurückhaltender. Dass ich es vor allen geheim hielt, hat mehrere Gründe. Zum einen hatte ich das Gefühl, dass niemand etwas mit meinem Krankheitsbild anzufangen wusste. Zum anderen waren die Fressattacken und das erzwungene Erbrechen mit großer Scham verbunden, die ich nicht kundgeben wollte. Es mag für andere Menschen vielleicht unvorstellbar sein, aber Essen ist in Stress- und Frustsituationen wie ein Ventil, das Emotionen unterdrückt. Wenn sich niemand um einen kümmert, dann kümmert sich das Essen. Es war immer verfügbar und hat eine Form des Trostes gespendet. Das Erbrechen wiederum lässt den Druck ab, der sich den Tag über aufgebaut hat. Zwar ist es mit Ekel verbunden, aber das Gefühl danach war sehr befreiend.
Dieses Verhalten wurde für mich zur Sucht und sorgte für eine schwere Schulzeit bestehend aus vielen anstrengenden Jahren. Noch vor Schulbeginn habe ich Toiletten aufgesucht, um mich zu übergeben. Dadurch fühlte ich mich den restlichen Tag über furchtbar. Es ist vergleichbar mit einer Magen-Darm-Infektion. Ich konnte mich nicht richtig konzentrieren und fühlte mich immerzu ausgelaugt. Zudem litt ich sehr unter dem Alleinsein, weil mir die Unterstützung durch Freunde und Familie fehlte. Insbesondere manche Freundinnen wandten sich ab, weil ich mich immer mehr in den Hintergrund rückte. Zu diesem Zeitpunkt wollte ich die Schulzeit einfach nur durchstehen und überleben. Es ist für mich ein Wunder, dass ich den Realabschluss überhaupt geschafft habe. Neben der Schule hat die Bulimie auch andere Lebensbereiche beeinflusst. Zum Beispiel konnte ich meinen eigentlichen Leidenschaften nicht nachgehen. Bis heute bin ich total vernarrt in Kunst, Tanz und Musik. Aber mir fehlte einfach die Kraft dafür.
Die Zeit nach der Schule
Bis zu meinem Realschulabschluss waren es drei Jahre seit Beginn der Essstörung. In dieser Zeit manifestierte sich mein Suchtverhalten immer weiter. Nach meinem Abschluss begann ich eine Ausbildung in einem Hotel. Im Nachhinein war das keine gute Idee, wenn man bedenkt, mit wie viel Essen man in diesem Beruf Kontakt hat. Es war wie ein Trigger für meine Sucht. Zudem brachte die Berufssparte viele Überstunden mit sich, Arbeit an Feiertagen und eine schlechte Bezahlung. Meine Grenzen wurden ständig ausgereizt und ich stand häufig vor extremen Stresssituationen, die die Bulimie weiter befeuerten. Auch mein privates Umfeld stellte mich vor viele Herausforderungen. An Weihnachten mit der Familie zusammen zu sitzen, während Gebäck und Kuchen an jeder Ecke standen, war eine reine Qual für mich. Mittlerweile war ich an einem Punkt angekommen, an dem ich mich acht- bis neunmal pro Tag übergab und etwa fünf Stunden unter Fressattacken litt. Meistens griff ich dabei auf süße und fettige Nahrungsmittel zurück. Davon habe ich so viel gegessen, dass mir das Laufen kurze Zeit danach schwergefallen ist. Es war schrecklich.
Ich habe mich am Tag acht- bis neunmal übergeben.
Tapetenwechsel
Ich bin durch die Bulimie emotional immer weiter abgestumpft. Gemerkt habe ich das besonders in einer spezifischen Situation. Ich wollte unbedingt mein berufliches Umfeld ändern, also habe ich das Hotel nach der Ausbildung verlassen und arbeitete übergangsmäßig in einem Casino. Dort bin ich überfallen worden. Mit Handschellen an den Handgelenken und einer Pistole am Kopf wurde ich bedroht, jegliches Geld zu übergeben. Ich bin nicht nur unversehrt aus dieser Situation gekommen, sondern habe alles auch noch gut verarbeitet. Während des Überfalls war mein Kopf in einer Art Stand-By Modus. Zu diesem Zeitpunkt hing ich nicht sonderlich fest an meinem Leben. Ich verfiel nicht in Panik und ich bin überzeugt davon, dass das auf die emotionale Abstumpfung durch die Bulimie zurückzuführen ist. Neben dieser Ausnahmesituation verstand ich mich mit dem Team dort fantastisch. Wir waren wie eine Familie und das hat mir einen ersten Halt gegeben. Trotzdem ging es mir mittlerweile so schlecht, dass ich mich an einem Wendepunkt meines Lebens befand. Ich wusste, dass wenn ich jetzt nicht etwas ändern würde, ich irgendwann mit meinem Leben zahlen müsste. Vielleicht würde ich nicht an diesem Tag an der Bulimie sterben, aber möglicherweise zu einem anderen Zeitpunkt.
Neuer Weg
Ich entschied mich, freiwillig einen neuen stationären Klinikaufenthalt anzufordern. Mein gesundheitlicher Zustand war in diesem Moment so akut, dass ich sogar auf eine Notfallliste aufgenommen wurde. Sechs Wochen hat es gedauert, bis der erlösende Anruf kam. Doch bis dahin zählte ich die Tage. Ich fragte mich auch, was ich wohl meinen Kollegen sagen würde, wenn ich mich für einen längeren Zeitraum krankschreiben lasse. Und was würde ich meiner Familie sagen? Von der Bulimie wusste nur meine beste Freundin, die bei meinem Hausarzt arbeitete und es auch nur deshalb erfuhr. Ich behielt das vorerst für mich und informierte meine Familie, nachdem ich meinen Klinikaufenthalt begann. Die Klinik, die ich besuchte, war in Prien am Chiemsee. Es ist eine der besten Kliniken Deutschlands in dem Bereich Essstörungen und ich sah meine Chance auf eine Besserung. Insgesamt zwölf Wochen verbrachte ich dort. Ich hatte Einzeltherapien, Gruppentherapien und Richtmengen an Nahrung, die ich zu mir nehmen musste. Ich fühlte mich dort sehr gut aufgehoben und endlich hatte ich die Ruhe und die Kraft, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen. Ich hatte kein Gefühl mehr darüber, was normale Mengen an Nahrung waren. Ein Sättigungsgefühl existierte nicht mehr. Ich musste das Essen neu erlernen. Doch die räumliche Trennung tat mir sehr gut. Endlich war ich einmal weg von meinem gewohnten Umfeld. So konnte ich mich komplett auf mich fokussieren. Dieser Fokus war es, der mir ein behütetes Gefühl während des Aufenthalts gab. Ich musste nicht viel Verantwortung tragen, hatte den Freiraum mich selbst besser kennenlernen und konnte so sein, wie ich bin. Dadurch hat mir die Zeit in der Klinik unglaublich gutgetan. Ich habe viel für mich mitnehmen können und auch gemerkt, dass ein Leben ohne Essstörung möglich ist. Immerhin war die Essstörung bis zu diesem Zeitpunkt wie eine Krücke für mich. Die Zeit dort habe ich deshalb so gut annehmen können, weil ich nicht mehr akzeptieren konnte, wie es mir ging. Das Gefühl, irgendwann gesund zu sein, war mein ständiger Antrieb. Auch heute gehe ich mindestens einmal pro Jahr an den Chiemsee, um mich an diese Zeit zurückzuerinnern.
Persönliche Weiterentwicklung
Der Antrieb, gesund werden zu wollen, brachte mir Erfolg auf ganzer Linie. Und der sollte auch nicht nach dem Klinikaufenthalt aufhören. Ich war zwar nicht geheilt, aber es ging mir deutlich besser. Ich beschäftigte mich viel mit persönlicher Weiterentwicklung und lernte, ein wenig offener mit meiner Essstörung umzugehen. Dadurch bemerkte ich auch erst, dass es für viele gar keinen Unterschied macht, an was ich leide oder nicht. Freundinnen wollten trotzdem Zeit mit mir verbringen und so schaffte ich es, mehr und mehr meine Komfortzone zu verlassen, um heilen zu können. Um meinen Freundeskreis zu erweitern, wurde ich sehr aktiv. Ich meldete mich bei einer Tanzschule und einem Fitnessstudio an, um neue Kontakte zu knüpfen. Mittlerweile habe ich auch eine Umschulung zur Industriekauffrau gemacht und arbeite in der Buchhaltung. Auch dort habe ich neue, großartige Menschen kennengelernt. Bei Liebesbeziehungen fiel es mir etwas schwerer. Vor allem deshalb, weil man eine größere Nähe zueinander pflegt und somit Rückfälle schwer verheimlichen kann. Inzwischen weiß ich, dass es möglich ist, eine stabile Beziehung zu führen. Meine Beziehungspartner konnten mit der Situation umgehen und ich wurde trotz meines Krankheitsbildes nie abgelehnt.
Das Verhältnis zu meiner Familie, insbesondere zu meiner Mutter hat sich inzwischen verbessert. Ich habe gelernt zu akzeptieren und zu verstehen, dass sie es damals einfach nicht besser konnte, sie mich aber immer geliebt hat und selbst sehr mit sich zu kämpfen hatte. Ich habe verstanden, was es heißt zu vergeben und dass es für Veränderungen nie zu spät ist. Man muss nur offen dafür sein.
Die Bulimie ist wie ein Kompass, der mir anzeigt, wenn es mir schlecht geht.
Du bist mehr als deine Krankheit
Das Gefühl „Nur wenn ich dünn bin, bin ich schön.“ hat sich mittlerweile gelegt. Der Fokus vom Körperlichen ist also etwas weggerückt. Ich hätte niemals gedacht, dass sich eine Essstörung so hartnäckig hält, aber sie tut es. Meine Arbeit an mir selbst ist mittlerweile zu einem festen Bestandteil in meinem Leben geworden. Mehrfach am Tag nehme ich mir die Zeit, um kurz zur Ruhe zu kommen, um mich zu fragen, wie es mir gerade geht. Dadurch ist die Bulimie für mich wie ein Kompass geworden. Denn wenn sich das Verlangen nach Essen anbahnt, weiß ich, dass mir gerade etwas zu schaffen macht. Sie zwingt mich also, hinzuschauen, und so in die richtige Richtung zu gehen.
Nach über 20 Jahren Bulimie bin ich zwar noch nicht vollständig geheilt, aber ich habe schon unfassbar große Fortschritte gemacht. Ich kann das Leben immer mehr genießen und meinen Leidenschaften nachgehen. Endlich habe ich angefangen mich der Musik zu widmen, zu Tanzen und Ukulele zu spielen. Ich lerne mich nach und nach mehr anzunehmen und kann wieder mehr fühlen. Der Prozess, den ich bis heute durchlebt habe, hat sehr viel Kraft gekostet, aber es hat sich gelohnt. Jedem Menschen, der ähnliches erlebt, möchte ich ans Herz legen: Der Mut und die Kraft, die du in dich und deine Heilung investierst, werden sich lohnen. Ich kenne das Gefühl, wenn in einem selbst eine innere Leere herrscht. Aber es ist möglich, in ein normales Leben zurückzukommen. Du musst an dich und deinen Lebenswillen glauben. Dann folgt zwar ein harter Weg, aber er wird sich lohnen. Doch vergiss bei all der Kraft, die du investierst, niemals: Du bist mehr als deine Krankheit!
