Die Geschichte von Helena
Wut ist Lebenskraft, wenn du sie richtig nutzt.
Ich war 18, als meine ersten Erinnerungen aufkamen. Anfangs konnte ich sie weder zuordnen noch verstehen, doch im Laufe der Zeit gewannen sie mehr Raum in meinem Kopf. Bilder, die vor meinen Augen zu flimmern begannen, verwirrten mich. Ich wollte sie nicht wahrhaben, sie verdrängen, nichts von ihnen wissen und schon gar nicht darüber sprechen. Ich wollte mir nicht eingestehen, dass mein damals alkoholabhängiger Vater mich als Kind sexuell missbraucht hat. Mittlerweile sind zwölf Jahre vergangen und ich habe mich dazu entschieden, meine Geschichte mit anderen zu teilen. Ich möchte darüber reden, welche Wege ich gegangen bin. Ich möchte dir erzählen, wieso es so wichtig ist, dich mit deinem jüngeren Ich zu verbinden und welche Rolle Wut dabei in Bezug auf deine Lebenskraft hat.
Triggerwarnung: In diesem Beitrag geht es um Kindesmissbrauch. Wenn dich dieses Thema belastet, lies diesen Beitrag mit Vorsicht und gegebenenfalls einer Person deines Vertrauens. Falls du reden möchtest, kannst du jederzeit beim Sorgentelefon unter 0800 1110111 kostenlos und anonym anrufen.
Wie durch einen Schleier
Heute sehe ich die Zeit vor meinen ersten Erinnerungen wie durch einen Schleier. Ich weiß, dass ich einen geregelten Alltag hatte und regelmäßig zur Schule ging. Allerdings erlaubte ich mir keine Fehler und lehnte meine Gefühle, insbesondere meine Tränen, ab. Das ist deshalb wichtig zu erwähnen, weil ich eine Persönlichkeit habe, die nah am Wasser gebaut ist. Tauchten emotionale Momente auf, begrub ich sie unter Fressattacken. Zusätzlich begleitete mich oft eine Form der Anspannung, die ich nicht zu kontrollieren wusste. Meine schulischen Leistungen befanden sich im Mittelfeld, obwohl ich mich stets motivieren wollte, besser zu werden.
Es ist schwer, bestimmte Verhaltensmuster in dieser Zeit auf meine Erlebnisse zurückzuführen, aber ich war und bin sicher, dass sie mich maßgeblich geprägt haben. Und zwar auch, bevor ich sie aktiv realisiert habe.
Es ist ein lebenslanger Prozess. Deshalb ist es wichtig zu lernen, dich zu verstehen und zu fühlen.
Ich hatte Angst, die Familie zu zerstören
Es war furchtbar. Die ersten Erinnerungen überkamen mich und es war furchtbar. Ich habe gemerkt, dass da etwas passiert ist, das nicht in Ordnung war. Dennoch entschied ich mich dazu, es nicht nach außen zu tragen. Eine Maske voller Positivität und Lachen aufzusetzen, um meine wahren Gefühle zu verdrängen. Scham vor der Sache an sich gepaart mit der Angst, die Familie zu zerstören, drängten mich zu dieser Entscheidung. Dieser Zustand hielt sich etwa zwei lange Jahre, auf die ich heute als sehr harte Zeit zurückblicke. Auch, wenn ich schwieg, tat das mein Kopf nicht. Einzelne Bilder von dem, was mein Vater tat, wurden immer klarer. Später arbeiteten sie sich auch in therapeutischen Gesprächen punktuell heraus. Doch da war ich noch lange nicht.
Ein Schritt in Richtung Leben
Mit 21 entschied ich mich ganz bewusst für eine Therapie zu meiner Tante in eine andere Stadt zu ziehen. Sie war es, die mich auch zu meinem ersten Beratungsgespräch begleitete. Dort angekommen, redete ich aber nicht. Ich habe nur geweint, es ging mir nicht über die Lippen. Ich spürte, dass es wichtig war mein Schweigen zu brechen und die aufgesetzte Maske abzulegen, weil es mich innerlich kaputt machte. Ein Gespräch zwischen meiner Mama, meinem damaligen Freund und mir folgte. Mich plagten enorme Schuldgefühle gegenüber meinen Eltern, weil ich über das Geschehene gesprochen habe. Denn die Konsequenz dessen war nichts Geringeres als deren Trennung. Die Gespräche weiteten sich auf meine Geschwister aus und es war schrecklich, ihre Fassungslosigkeit und ihren Tränenausbruch mitanzusehen. Meinem Vater stand ich als letztes gegenüber. Ich zog einen Schlussstrich, auch wenn es nicht meine Aufgabe gewesen war. Ich habe es getan und deshalb lebte ich mit Schuldgefühlen, obwohl ich nie schuld war. Doch für das Kind in mir war ich es, denn ich hatte gesprochen.
Ich lebe mit Schuldgefühlen, obwohl ich nicht schuld bin. Ich habe einfach gesprochen.
Die Gestalt meiner Tränen
Ein Jahr lang wohnte ich in der neuen Stadt. Ein ganzes Jahr, in dem ich eine intensive Therapie erfahren durfte: die Gestalttherapie. Sie half mir dabei, Emotionen besser anzunehmen, indem ich ihnen eine Gestalt gab. Vor meinem inneren Auge stellte ich mir beispielsweise meine Tränen vor, wie sie mir gegenübersitzen. Ich drückte ihnen meine Missgunst, meine Ablehnung, aus und nahm dann ihren Platz ein. Was sagen meine Tränen dazu, weshalb sind sie überhaupt da? Somit lernte ich Stück für Stück, meinen Gefühlen eine Daseinsberechtigung zuzusprechen und ihre Gegenwart anzunehmen. Es mag sich vielleicht ungewöhnlich anhören, aber es hilft wirklich. Als weitere Form des Gestaltgebens eignet sich das Malen. Dabei geht es nicht um künstlerischen Anspruch, sondern darum, Emotionen mit einer Größe, Farbe und Form darzustellen. Anfangs kann das knifflig sein, den ersten Strich auf Papier zu bringen. Oft hilft es dann, mit kleinen Fragen anzufangen wie: „Wie groß ist deine Anspannung?“. Das Schöne dabei ist, sehen zu können, wie sich diese Zeichnungen mit der Zeit verändern.
Ich stellte mir meine Tränen vor, wie sie auf dem Stuhl sitzen. Ich versuchte, sie zu verstehen.
Wut ist Lebenskraft
Lange habe ich nicht gesprochen, deshalb half es mir besonders zu Beginn der Therapie, mich auf neutralem Boden in der Natur zu treffen. Ein Spaziergang im Wald hat für solche Anlässe viele Vorteile. Allem voran, dass ich keinen Augenkontakt halten musste und mir das Reden in einer lockeren Atmosphäre deutlich leichter fiel. Als ich lernte, meine Emotionen zuzulassen und über sie zu sprechen, wusste ich, dass ich auf einem guten Weg war. Somit hielt ich mit meiner Therapeutin auch dann den Kontakt, als ich wieder in meine Heimat zog. Ich bin an der Therapie über Jahre hinweg gewachsen, baute ein Haus mit meinem damaligen Freund und fand mich vollkommen im gesellschaftlichen Klischee wieder. Dann, etwa fünf Jahre nach meinem Therapiebeginn, kam die Wut. Wut gegenüber meinem Vater. Wut gegenüber dem, was mir passiert ist. Sie ersetzte die Schuldgefühle, die sich bisher zu bestimmten Ereignissen breitgemacht hatten. Mit ihr hätte ich Bäume ausreißen oder stundenlang in ein Kissen prügeln können. Ich bin mir sicher, dass das stellenweise auch gut ist. Wut lässt sich aber auch auf andere Weise nutzen. Ich saß mich hin und atmete ein. Ich atmete aus. Atmete ein. Atmete aus. Ich spürte, wie mir abwechselnd heiß und kalt wurde. Es kam eine unbeschreibliche Kraft zu mir. Meine Lebenskraft, die ich nutzte, um für mich loszugehen.
Ich konnte wieder fühlen. Das war der absolute Hammer!
Die Frage nach dem Sinn
Es war mein Geburtstag. Ich wurde 26 und plötzlich konnte ich durch die Kraft, die ich aus der Wut zog, wieder richtig fühlen. Ich erinnere mich, dass ich damals durch den Wald rannte und genau das wiederholt rief, zu mir, zu der Welt. Mein Freund und ich trennten uns und ich zog in eine kleine Stadt. Acht Jahre sind seit meinen ersten Erinnerungen vergangen, doch mein Weg war noch nicht zu Ende. Höhen und Tiefen begleiteten mich auch die Folgejahre. Ich fing an, selbstbestimmter zu leben. Zunächst waren es kleine Entscheidungen darüber, was ich im selben Moment tun wollte, etwa Spazieren gehen oder auf dem Sofa verweilen. Tanzen gehen oder Sport machen. Sie waren es, die mir ein neues Freiheitsgefühl vermittelten, das ich mir zuvor nie erlaubt habe.
Nach meiner Ausbildung zum Coach, stellte sich mir die Frage nach dem größeren Sinn. Wieso habe ich den sexuellen Missbrauch erlebt? Was ist meine Aufgabe auf dieser Welt?
Andere Frauen in ihren inneren Prozessen professionell und wertschätzend zu begleiten – darin fand ich meinen Sinn des Lebens.
Wie eine Zwiebel
Innerhalb meiner Ausbildung wurden die Gefühlsebenen intensiver behandelt. Dabei spürte ich, dass meine eigenen Erfahrungen mit dem Umgang von Emotionen einen wichtigen Beitrag geleistet haben. Gerade da wurde mir klar, dass kaum jemand den richtigen Umgang mit Emotionen gelernt hatte. Wut, Trauer, Scham und Schuld sind meist negativ besetzte Gefühle, die wir zu verdrängen versuchen, doch sie haben ihre Daseinsberechtigung. Ich denke oft an eine Zwiebel, um solche Gefühle greifbarer zu machen. In meinem Fall war das erste Gefühl nach meinen Erinnerungen die Scham, also die erste Zwiebelschicht. Darauf folgte eine lange Zeit die Trauer. Ich arbeitete mich von Schicht zu Schicht, bis ich am Kern angekommen war. Auf die Trauer folgte die Wut, dann ein Ohnmachtsgefühl, das sich durch Handlungsunfähigkeit geäußert hatte. Der Kern bestand aus einer Schicht an Scham, in der der sexuelle Missbrauch noch einmal sehr präsent wurde. Angst und Albträume waren in dieser Phase stetige Begleiter. Jedoch konnte ich in dieser Zeit schon besser mit meinen Emotionen umgehen. Als sie vorbei war, fühlten sich mein Herz, mein Körper und der Kopf entspannt und befreit an.
Es war dann alles gut. Völlig verrückt. Das war wirklich Transformation!
Eine Verbindung zu dir selbst
Vereinzelt gab es Momente, in denen es mir weniger gut ging. Momente, die mir meine Erlebnisse wieder vor Augen führten. Momente, in denen ich Angst hatte. Ich bin mir sicher, dass sie ein Teil meines Lebens bleiben werden. Deshalb bin ich so dankbar, gelernt zu haben, mit ihnen umzugehen. Während meiner Arbeit mit mir selbst durfte ich die wertvolle Erfahrung machen, meinem Inneren Kind zu begegnen. Aus ihm heraus agiert der Großteil der Menschen. Ich begann, mich näher mit meinem Inneren Kind zu beschäftigen und erlebte tiefe Heilung. Oft schaute ich alte Kinderbilder von mir an und versuchte, mich in frühere Situationen hineinzuversetzen. Jedoch nicht in die Rolle von mir selbst, sondern als erwachsene Persönlichkeit, die auf mein früheres Ich zugeht und mit ihr spricht. Ihr die Aufmerksamkeit und Liebe gibt, die ich damals gebraucht hätte. In früheren Phasen der Trauer und Scham hätte das noch nicht funktioniert, da dort noch mein Schmerz dominierte. Doch jetzt ist es möglich. Das war mein Schlüssel zu einem glücklichen und selbstbestimmten Leben. Dann traf ich eine weitere, wichtige Entscheidung. Die Entscheidung mich auf den Weg zu machen, meinem Vater zu vergeben.
Leben ist eine Entscheidung
Heute sind zwölf Jahre nach meinen ersten Erinnerungen vergangen. Zwölf Jahre durchlebte ich Scham, Trauer, Wut, emotionale Fressattacken, Selbstzweifel und so viel mehr. Trotz aller Tiefpunkte entschied ich mich immer wieder dafür, mein Leben positiv zu verändern. Ich war und bin immer wieder bereit meine Vergangenheit anzuschauen, um sie loslassen zu können. Heute kann ich wieder aus ganzem Herzen lachen. Heute kann ich fühlen und mein Leben genießen.
Ich bin der Überzeugung, dass jeder Mensch wertvoll ist. Immer, zu jeder Zeit. Du bist das auch, egal, wer du bist und was du erlebt hast. Ja, wenn es dir schlecht geht, hast du einen Weg vor Dir. Das geniale dabei ist, du hast die Wahl wie Du ihn gehst.
Für welches Leben entscheidest Du Dich?
