Die Geschichte von Nina
Depression ist eine Krankheit, nicht deine Persönlichkeit
Angst. Ja, das ist es. Es war die Angst. Angst davor aufzuwachen und keine Energie mehr zu haben. Angst davor, wertlos zu sein, Fehler zu machen und Menschen zu verärgern. Allein zu sein. Angst vor sich selbst. Als alles begann, war ich erst zehn Jahre alt. Das bedeutet, mein halbes Leben verbringe ich mittlerweile mit Depressionen. Eine Krankheit, die man nicht sehen kann. Eine Krankheit, die dich so sehr einnimmt, dass du das Kind sein verpasst. Nach drei Krankenhausaufenthalten, schwierigen Familienverhältnissen und einem nicht enden wollenden Kampf mit sich selbst stehe ich heute hier, stärker denn je und bereit darüber zu reden. Ich möchte dir erzählen, wie ich es geschafft habe, den Depressionen entgegenzuwirken und wieso es so wichtig ist, die Krankheit von der Persönlichkeit zu trennen.
Triggerwarnung: In diesem Beitrag geht es um Depressionen und Selbstverletzung. Wenn dich dieses Thema belastet, lies diesen Beitrag mit Vorsicht und gegebenenfalls einer Person deines Vertrauens. Falls du reden möchtest, kannst du jederzeit beim Sorgentelefon unter 0800 1110111 kostenlos und anonym anrufen.
Das Mädchen, das immer lächelte
Ich saß auf meinem Bett und weinte. Ich wusste nicht, weshalb ich das tat, aber ich tat es. Meine Mutter sagte, solche Momente solle es wohl geben. Ich akzeptierte ihre Aussage und einige Monate vergingen. Dann, an einem völlig normalen Tag, lief ich in die Küche. Sie stand dort, schaute mich an und sagte, sie vermisse ihr Mädchen. Ihr kleines Mädchen, das immer lächelte. Ich war zehn Jahre alt.
Zwei Momente, die weit zurück in der Vergangenheit liegen, aber sich anfühlen, als seien sie erst gestern geschehen. An ihnen mache ich heute den Anfang aller Dinge fest. Aber so einfach ist es nicht. Es ist ein langer Prozess über Jahre hinweg, der sich langsam und stetig entwickelt.
Ich habe angefangen, Panik vor der Schule zu bekommen und keine Hausaufgaben mehr zu machen.
Eine Klinik für Übergewichtige
Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich vier war. Viel mitbekommen habe ich davon nicht, aber die Familienverhältnisse litten vor allem durch die Beziehung, die meine Mutter danach pflegte. Als auch diese in die Brüche ging, wurde ich krank. Ganze sieben Wochen blieb ich zu Hause und besuchte die Schule nicht mehr. In dieser Zeit manifestierte sich eine unerschütterliche Angst davor, in die Schule zu gehen. Hausaufgaben erledigte ich nicht mehr und meine Noten verschlechterten sich. Schon bald wurde uns eine Familienhelferin zugewiesen, die uns in diversen Bereichen unterstützte. Sie war es, die meiner Mutter den eindringlichen Rat gab, sich nach einer psychologischen Hilfe für Kinder umzusehen. Durch eine solche entsprang dann das erste Mal die Diagnose: Depression. Kurz darauf beantragte meine Mutter einen Klinikplatz für mich. Zu unser aller Überraschung: Wir haben einen Platz bekommen, aber in einer Klinik mit Spezialisierung auf Übergewicht.
Sie hatten Sorge, ich würde aus den Sitzen rutschen
Ich hing sehr an meiner Mutter. Deshalb fiel es mir auch schwer, in die Klinik zu gehen. Nach wenigen Wochen gewöhnte ich mich allerdings an die neue Situation und begann zu versuchen, das Beste aus der Erfahrung zu ziehen. Ich war das Gegenteil von übergewichtig, deshalb durfte ich im Gegensatz zu den anderen als einzige Person mit dem Aufzug fahren und mehrmals am Tag Schokolade essen. Ich lernte, die Anwesenheit der Leute um mich herum zu genießen und es ergaben sich sechs angenehme Wochen mit den unterschiedlichsten Charakteren, die eine ganz eigene Geschichte schrieben. Wir witzelten immer wieder darüber, dass ich in einer Klinik für Übergewichtige gestrandet war. Bei einem Ausflug in einen Freizeitpark hatten sie sogar Angst, dass ich aus den Achterbahnsitzen rutschen könnte.
Wie ein Glas Wein am Abend
Mein erster Klinikaufenthalt verstrich und die negativen Gedanken beherrschten meinen Kopf. Ich begann, mich selbst zu verletzen, vorrangig an den Beinen. Der Anblick der Wunden fesselte und faszinierte mich. Er beruhigte mich. Er ließ den Druck ab. Was für andere das Glas Wein am Abend war, war für mich das Selbstverletzen. Doch es war gleichzeitig eine Möglichkeit, anderen ohne Worte zu vermitteln, welche Schmerzen ich hatte. Denn Depressionen sind für mich in erster Linie nichts anderes als Schmerzen, die andere nicht sehen können. Phasenweise redete ich meinen Zustand klein, aber ich wusste, ich musste etwas ändern. Also wollte ich mich fordern. Ich wollte gefordert werden, mich ablenken lassen von dem dauerhaften Gedankenchaos. Deshalb entschied ich mich für einen Schulwechsel von der Realschule auf das Gymnasium. Doch die Schulangst blieb präsent und äußerte sich mittels Panikattacken und Weinkrämpfen. Es war wohl vorherzusehen, dass das in einem zweiten Klinikaufenthalt münden würde. Zugegeben, die professionellen Gespräche halfen mir damals weniger, umso mehr schätzte ich jedoch die Gemeinschaft von anderen Patienten, mit denen ich mich gerne austauschte. Es half mir, mich nicht allein zu fühlen.
Aus Negativem kann Positives entstehen, daher das tätowierte Plus. Es war das erste Mal, das wir Gleichgesinnte trafen.
Daunendecke gefüllt mit Gewohnheit
Ein Kampf mit mir selbst folgte. Höhen und Tiefen prägten mein familiäres, soziales Umfeld und meine Gefühlswelt. Dann kam er, dieser eine gute Monat. Ich wusste nicht genau wie, aber es besserte sich. Es war ein ungewohntes Gefühl. Besser, aber ungewohnt. So ungewohnt, dass ich mich nach der Gewohnheit sehnte. Die Depression war für mich wie eine große, schwarze Daunendecke, in die ich mich einkuscheln wollte. Ich vermisste meine negativen, nihilistischen Zeiten und manövrierte mich absichtlich wieder dort hinein.
Meine Depression und ich
Ob man dir helfen kann, entscheidet die Depression und nicht du. Das ist schwer, aber dennoch wichtig, zu verstehen. Mich für meine Krankheit entschuldigen zu müssen, war keine Seltenheit. Schon bei den kleinsten Alltagstätigkeiten, für deren Durchführung ich keine Kraft fand, musste ich mich rechtfertigen. Ganz gleich, ob es das Ausräumen der Spülmaschine oder das Lernen für eine Klausur war. Man erwartet von dir zu funktionieren und realisiert dabei nicht die Präsenz und das Ausmaß der Krankheit. Nach meinem ersten und zweiten Krankenhausaufenthalt folgte mein dritter und letzter mit 14 Jahren. In der gesamten Zeit versuchten unzählige Psychologen mir mittels verschiedenster Wege zu helfen. Die sogenannte Spiegeltherapie sollte mir ermöglichen, mich ohne Wertung zu beschreiben, während ich in hautengen Sachen vor einem Spiegel stand. Wirkung – keine. Antidepressiva sollte mein Gemüt aufheitern, doch sie ließen mich taub und gefühllos werden. Wirkung – keine. Dutzende psychologische Gespräche sollten mir helfen. Wirkung – keine. Ich dachte, ich wäre verloren, begraben unter meiner Krankheit. Doch damit sollte ich mich irren.
Nach der ersten Stunde Spiegeltherapie hatte ich aufgekratzte Arme, weil ich es kaum ausgehalten habe, mich anzuschauen.
Der Schlüssel zur Lösung
Angst. Ja, das ist es. Depressionen gehen häufig Hand in Hand mit Suizidgedanken. Was in jüngeren Jahren noch ein letzter Ausweg und Hoffnungsschimmer war, ist dank gewonnener Freunde keine Option mehr. Aber ich hatte zunehmend Angst, es doch irgendwann zu wollen. Angst vor mir selbst war die schlimmste Form der Angst, der ich begegnete. Ich entschied, mich mit aller Willenskraft zu ändern. Aber wie? Meine Tage bestanden aus Zeit auf dem Sofa und Serienmarathons. Wochenlang duschte ich nicht, putzte keine Zähne, dafür fehlte mir schlichtweg die Kraft. Das ging bereits ein Jahr so. Aber die Angst vor mir selbst war wie pure Energie für mich. Ich ging erneut in psychologische Betreuung, bekam Antidepressiva verschrieben. Wirkung – Erfolg. Endlich. Mein Kopf ebnete den Weg, den ich auch zu beschreiten wagte. Doch ich wollte nicht meiner Gewohnheit verfallen, also arbeitete ich an mir, an meinem Selbstbewusstsein, meinem Mindset.
Es ist unbeschreiblich, wie viel Selbstkontrolle und Disziplin es braucht, um nicht wieder in die Gewohnheit zurückzufallen.
Eine Vernissage für sich selbst
Klick. Klick. Klick. Da war er, mein nächster wichtiger Schritt. Stundenlang starrte ich die Ergebnisse meines ersten Fotoshootings an. Zunächst fiel es mir schwer, mich objektiv zu betrachten, aber schon bald sollte mein Selbstbewusstsein steigen. Es folgte Fotoshooting auf Fotoshooting und ich begann, mich zu mögen. Doch viel wichtiger, ich begann zu differenzieren. Zwischen mir und meinem Foto. Zwischen mir und meinem Spiegelbild. Zwischen mir und meiner Depression. Es war ein Prozess, aber ich habe gelernt meine Krankheit von mir zu differenzieren. Leicht war das nicht, denn es dauert Zeit und Kraft, Vertrauen zu sich selbst aufzubauen. Unsicherheit macht sich währenddessen bei jeder Entscheidung breit, denn es lässt sich nur schwer erkennen, ob sie aus der Krankheit heraus oder gut durchdacht getroffen wird.
Depression ist eine Krankheit, nicht deine Persönlichkeit
Du siehst sie nicht. Du hörst sie nicht. Sie spricht durch mich, aber ich bin es nicht. Menschen gehen davon aus, dass Depressionen ein Teil meiner Persönlichkeit sind. Oft liegt das daran, weil sie Auswirkungen auf mein Handeln und Denken haben. Aber wenn ein Sportler nicht mehr rennen kann, weil sein Bein gebrochen ist, wird das auch nicht Teil seiner Persönlichkeit. Ähnliches passiert bei mir, nur dass man meine Verletzung nicht sehen kann. Depressionen sind ernst, ähneln einem körperlichen Gebrechen, das lähmend wirken und tödlich enden kann mit dem Unterschied, dass man von dir erwartet, weiter zu funktionieren. Wenn du auch unter Depressionen leidest, mach dir das bitte immer wieder klar. Du bist eine eigenständige Person, die neben der Krankheit existiert, lebt und liebt. Heute kann ich auf ein halbes Jahr zurückblicken, in dem es mir besser geht.
Ich bin dankbar, dass es mir heute besser geht.
Die Zeit danach ist die Zeit, die mir fehlte
Depression kostet Zeit, sogar viel davon. Ich bin dankbar, dass es mir heute besser geht, doch ich merke zunehmend, wie sehr mich meine Krankheit einnahm. Oft sehe ich, was ich alles verpasst habe, während ich früher auf meinem Sofa lag. Ich werde also viel nachholen müssen. Dennoch geht es mir besser. Mein Freund stand und steht mir zur Seite und meine familiären Verhältnisse verbesserten sich. Alles, weil ich lernte, meine Krankheit von mir zu differenzieren und an mich zu glauben. Wenn es dir genauso ergeht wie mir, hoffe ich, dass du aus meiner Geschichte etwas mitnehmen kannst. Du bist stark, stärker als du denkst.
